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Home Sonderthemen Sonstiges Wenn schwere psychische Folgen nach Einbrüchen das Leben belasten
16:50 19.11.2018
Reden lassen, zuhören, sich Zeit für die Opfer nehmen, ist ein Teil der Hilfe des Weißen Rings. FOTO: WEISSER RING

Von Birthe Kußroll-Ihle

PEINE. „Bei einem älteren Herrn aus dem Südkreis war vor einiger Zeit in sein Haus eingebrochen worden. Das belastete ihn so, dass er mit jemandem darüber sprechen wollte. Ich fuhr zu ihm. Als ich klingelte, und er die Haustür öffnete, stellte ich mich ihm vor, wobei er eine Hand hinter dem Rücken verschränkt hatte. Er zog einen selbstgeschmiedeten Dolch hervor, sagte mir, er müsse sich schützen, weil bei ihm eingebrochen worden war. Wir verständigten uns, dass Selbstjustiz nicht sein könne und er zerbrach in meinem Beisein den Dolch. “

Gerhard Welge, Außenstellenleiter des Weißen Rings in Peine, erzählt den Fall – sein erster 2013 – zum besseren Verständnis seiner Tätigkeit und der Hilfe für Kriminalitätsopfer. Das Opfer, ein gelernter Schmied, kam nach einem Einkauf nach Hause und entdeckte, dass Gegenstände fehlten und sich Diebe bei ihm zu schaffen gemacht hatten. „Als er mir erneut über den Einbruch erzählen sollte, blockierte er, konnte nicht darüber sprechen. Er benötigte psychologische Hilfe, um seine Empfindungen auszudrücken“, berichtet Welge.

Gezielte Fragen zum Tatgeschehen seien nicht möglich gewesen, nur Gespräche über die Firma und Familie. Es kam heraus, dass der Einbruch durch ein Familienmitglied verübt worden war – Beschaffungskriminalität für Drogen. „Dass ein Einbruch, bei dem das Opfer nicht dabei war, zu so großen psychischen Problemen führen kann, wurde mir erst durch die Gespräche klar“, sagt Welge. Er kümmerte sich darum, dass der ältere Herr in ärztliche Behandlung und in eine Therapie kommen konnte.


Im vergangenen Jahr hat der Weiße Ring in Peine mit seinen sieben Mitarbeitern 64 Opfern geholfen.


Die Verletzung der Privatsphäre, das verloren gegangene Sicherheitsgefühl sowie schwerwiegende psychische Folgen, die nach einem Einbruch auftreten können, machen den Betroffenen häufig mehr zu schaffen als der rein materielle Schaden, für den die Versicherung aufkommt. „Wir wollen Lotse sein, zeigen Opfern und ihren Familien Möglichkeiten, welche Hilfe sie in Anspruch nehmen können, um danach in ihrem Leben wieder alleine zurechtkommen zu können“, erklärt Welge.

Erhöhte Schreckhaftigkeit, Angst, Reizbarkeit, Unruhe, Nervosität, gefühlsmäßige Abstumpfung, mangelndes Interesse an dem, was vorher wichtig war und sich aufdrängende Bilder dessen, was geschehen war oder Erinnerungsbruchstücke anderer Art – Geräusche, Gerüche oder Körperempfindungen – können seelische Traumafolgen nach einem Einbruch sein.

Seit 2013 ist Welge Außenstellenleiter des Weißen Rings. „Meist geht es bei unserer Hilfe um häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, Stalking oder Mobbing, weniger um Mord und Totschlag sowie Einbrüche“, berichtet Welge, der auch an Schulen Präventionsarbeit leistet. Im vergangenen Jahr hat der Weiße Ring in Peine mit seinen sieben Mitarbeitern 64 Kriminalitätsopfern geholfen – darunter 18 nach sexuellen Übergriffen, zwölf bei häuslicher Gewalt, sechs Personen als Opfer von Morden und nur fünf davon nach Raub und Überfällen. „Reden lassen, zuhören, sich Zeit für die Opfer nehmen, ist ein Teil unserer Hilfe“, so Welge.


Gerhard Welge
Gerhard Welge

Missbrauch, körperliche Gewalt und seelische Grausamkeiten: Menschen, die solche Erfahrungen in ihrem Leben durch andere machen mussten, leiden oft stark unter den Folgen. Dem Peiner Weißen Ring ist es deshalb ein Anliegen, dass Kriminalitätsopfer die psychotherapeutische Versorgung erhalten, die sie benötigen.

„Wer Gewalterfahrung auch nach einem Einbruch nicht alleine verarbeiten kann, der kann zum Beispiel an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkranken und benötigt psychotherapeutische Unterstützung“, unterstreicht Gerhard Welge, Außenstellenleiter des Weißen Rings in Peine. Studien hätten gezeigt, dass ein Drittel der Patienten länger als drei Monate auf ein Erstgespräch warten müsse – eine Katastrophe für Menschen mit schweren psychischen Traumata.

„Wir als Weißer Ring können die Türen öffnen, dass Betroffene innerhalb von zwei Wochen eine Therapie bekommen. Ein deutschlandweites Traumanetzwerk hält Reserveplätze in Trauma-Ambulanzen in der Region parat“, erklärt Welge. Sein Team und er hätten einen gewissen Freiraum bei den Hilfsangeboten, versuchten aufgrund der eigenen Lebenserfahrung in den Gesprächen mit den Opfern herauszufinden, wie schwerwiegend und dringlich die jeweilige Opfersituation sei. Die Hilfsmöglichkeiten für bedürftige Betroffene seien vielfältig, auch ein Urlaub könne schon mal mitfinanziert werden.

Je nach Bedarf und Bedürftigkeit kann der Weiße Ring auch Beratungsschecks für ein Erstgespräch beim Rechtsanwalt in Höhe von 190 Euro ausstellen. „Rechtliche und medizinische Fragen dürfen wir selbst nicht beantworten, können aber vermitteln“, berichtet Welge. Finanzielle Unterstützung und fachliche Hilfe bei akuter Gewaltanwendung wie nach einer Vergewaltigung gehören auch zur Hilfe des Vereins, um Beweise sofort zu dokumentieren, auch wenn eine Anzeige erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. bik

Weitere Informationen: www.weisser-ring.de im Internet.

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