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Home Sonderthemen Aus der Geschäftswelt Abgehacktes Komma: Punkt, fertig, aus
10:31 16.12.2019

Von Jürgen Dieckhoff   

Hasenblutbetropfte PAZ? Wen nannte der Boss „Kloheit“? Wie liest man auf dem Kopf spiegelverkehrt? Erzähl mal. Weißt Du noch, damals? Kannste Dich an den, an die noch erinnern? Rentner sprechen, das liegt in der Natur, am häufigsten mit Rentnern.

Und dann geht das los. Früher war alles besser. Oder nur anders? Das haben wir damals besser gemacht. Oder nur den Zeitumständen entsprechend gemacht? Damals ging alles noch ruhiger zu. Diese Hektik heute. Oder empfanden wir das nur, weil wir jünger waren, cool anno 1970? Wir können es uns kaum noch vorstellen, unseren Beruf auszuüben. Hätten wir keine Zeit zu. So reden sie, so sind sie: Rentner.
     

Also auf geht’s! Wie war das damals mit der PAZ, bei der PAZ und für die PAZ?

Bei mir begann das Zeitungsleben im Haus Breite Straße Nr. 23 – Ende der 1960er Jahre. Geringe Deckenhöhen, kleine Zimmer, eine süße Sekretärin, die auch in der Dunkelkammer – allein, man durfte nicht mit rein – die aktuellen Filme entwickelte.

Ich merk´ mal wieder: Die Erinnerung fokussiert alle Dinge auf Anekdotisches, nicht jedoch auf Nebensächliches.
      

Der Kollege Fritz H. Petersen war zuständig für Edemissen, das damals bis Eltze reichte. Fritze hatte ein Holzbein. Fritze war dessen ungeachtet Jäger. Fritze betreute eine spezielle Jagdseite in der PAZ. Fritze kam tagtäglich aus Hannover, machte aber frühmorgens einen Abstecher in den Nordkreis, des Jagens wegen. Eines Tages – Weidmannsheil! – brachte er einen erlegten Hasen mit in das Redaktionszimmer. Er, der Hase, musste ausbluten. Fritze nagelte ihn kopfunter an einen Deckenbalken und legte in feiner Rücksichtnahme auf die Kollegen und vor allem die Putzfrau eine ältere PAZ-Ausgabe auf den Boden, wo dieselbe, blutdurchtränkt, alsbald so aussah, wie es böswillige Menschen der „Bild“ nachsagten.

Als Schreiberling ging das bei mir mit einer Polizeimeldung los. Es hatte gebrannt, gab ich der Leserschaft zu Wissen, und der Feuerwehr sei es gelungen, das Feuer zu löschen. Ich fügte den fehlplatzierten Schlusssatz hinzu: „Wie es dazu kam, ist noch nicht ermittelt.“ Es folgte mein erster Leserbrief, dessen Verfasser das Rätsel löste: „Mit Wasser wahrscheinlich.“ Der Schlaumeier war niemand Geringeres als: Kuno Freiherr von Schütz zu Holzhausen. Ich war zugleich betroffen und ergriffen, wenn nicht geehrt.
        

Damals wie heute ist die PAZ-Geschäftsstelle eine gute Anlaufstelle für die Leser und Besucher. Fotos: PAZ-Archiv
Damals wie heute ist die PAZ-Geschäftsstelle eine gute Anlaufstelle für die Leser und Besucher. Fotos: PAZ-Archiv

Wem solches widerfährt, der braucht Entspannung. Da traf es sich günstig, dass man im Haus an der Breiten Straße durch die Rotation zur Echternstraße durchgehen konnte. Dort betrieb Carl Jacob die „Lindener Bierstube“. Wenn wir meinten, Pause zu haben, dann gingen wir hin zu „Moses“, wie wir den Wirt nannten; und waren verärgert, wenn die süße Sekretärin später hereinplatzte und sich aufregte: „Da ist einer, den ich nicht abwimmeln kann, der will unbedingt einen Redakteur sprechen.“

Schluss mit lustig. Wir trabten zurück an die Arbeit. Bis Redaktionsschluss. Dann ging es wieder Richtung Echternstraße, doch schon in der Rotation war Endstation. Da saßen die Schriftsetzer an ihren riesigen „Heidelbergern“, kochten Blei und fertigten daraus Zeilen unserer Texte. War heiß da, sicher ungesund und machte Bierdurst. Letzteren spürten auch wir und bekämpften ihn. Dann plötzlich das Urteil vom Techniker: „Eine Zeile muss raus.“ – „Was im letzten Satz nach dem Komma kommt, das kann weg.“ Die entsprechende Zeile wurde abgesägt, doch nun hörte der Artikel mit einem Komma auf. Der Setzer griff zum Spatel und halbierte das Komma. Punkt, Ende aus.

Seitenkorrektur. Die Bleizeilen waren richtig angeordnet, die Überschriften mit der Hand aus Lettern gesetzt wie bei Gutenberg, und jetzt noch mal drüberschauen. Fatal nur, die Seite stand auf dem Kopf, die Schrift war spiegelverkehrt. Man gewöhnte sich.
      


Ja, wir druckten die PAZ im alten Fachwerkhaus, doch dann wurde neu und stattlich an der Werderstraße gebaut. Und dahin umgezogen. Das war nicht mein Ding, ich war zum Glück Student und nicht verfügbar. Doch bald wurde ich Volontär und musste es nur ein Jahr sein. Das zweite Jahr schenkte man mir. Man wird ja mal eine Klasse überspringen können, wenn einem die feuerzangenbowlige „sittliche Reife“ nicht fehlt. Ich muss an dieser Stelle einhalten. Wegen Bernd Dedecke. Verlagsleiter der PAZ. Ein Turbochef, der gleich auch aus seinem Heimatdorf Seershausen seinen Vertriebsleiter Otto Buhmann mitbrachte. Turbo auch er.

Für Dedecke gab es nichts Schöneres als das Zeitungsmachen. Und er war ein Motivationsgenie. Man ging zu ihm, um sich über Arbeitsüberlastung zu beschweren. Nach fünf Minuten verließ man sein Büro, hatte einige Sonderaufgaben aufgebrummt bekommen – und freut sich von Herzen. Wenn wir des Herzens Blut beispielsweise in eine Weihnachtsausgabe hatten tropfen lassen, sehe ich ihn noch mit baumelnden Beinen auf einem Aktenschrank sitzen und spanischen Cognac einschenken: „Ihr seid gut!“

Kennt ihn noch jemand bei der PAZ? Er hat das Blatt weiter nach vorn gebracht als manche seiner Nachfolger in summa. Schon bei seiner Beerdigung war er bei der Unternehmensleitung vergessen. Besuche ich sein Grab auf dem Waldfriedhof in seinem Geburtsort, fühle ich mich dankerfüllt und aus der Zeit gefallen.
         

Die Einweihung des neuen PAZ-Gebäudes fand am 12. Oktober 1969 statt. Am Sonnabend, 11. Oktober 1969, enthielt die PAZ eine Beilage mit diesem Titelblatt. Quelle: Stadtarchiv
Die Einweihung des neuen PAZ-Gebäudes fand am 12. Oktober 1969 statt. Am Sonnabend, 11. Oktober 1969, enthielt die PAZ eine Beilage mit diesem Titelblatt. Quelle: Stadtarchiv

Vollblut-Zeitungsmensch auch mein direkter Chef, Peter Günzel. Redaktionsleiter, so seine offizielle und bescheidene Berufsbezeichnung. Es war einmal, da äußerte ich den Wunsch, einen Kommentar zu schreiben. Ich bekam einen langsam sich seitwärts neigenden Kopf zu sehen und hörte: „Jungchen, das ist wohl mein Job, und außerdem, den Aufmacher auf Seite 1, den schreibe ich auch. Grundsätzlich.“

Was dahinter im Blatte stand, das schrieben wir einfachen Redakteure. Alles.

Nochmal Dedecke: Der Heimatspiegel, der monatlich und 16-seitig erschien, war eine Beilage, der seine ganze Liebe galt. Doch nun hatte er auch die Leitung des Göttinger Tagesblattes übernommen und noch weniger Zeit als zuvor. Eines guten Tages trug er mir diese Aufgabe an, und ich wehrte ab. Wann ich das denn nun auch noch machen solle! Lange hat Dedecke nicht gestutzt. „Wann habe ich das denn gemacht? Ach ja, morgens von sechs bis halb acht, dann fuhr ich auf den Tennisplatz, und um neun fing ich hier richtig an.“ Den Einwand, um sechs gern noch zu schlafen, hätte ich mir sparen können, also auch seine vorhersehbare Antwort: „Nicht gut.“

Ich war dann also zuständig und habe gemacht, bis der „Heimatspiegel“ aus der Zeit fiel; und irgendwann doch wieder ein wenig hinein. Mit dem „Heimatkalender“ lief es ähnlich.
         

Der neu gestaltete Media Store in der PAZ-Geschäftsstelle bietet eine vielfältige Auswahl an Büchern und Geschenkartikeln.
Der neu gestaltete Media Store in der PAZ-Geschäftsstelle bietet eine vielfältige Auswahl an Büchern und Geschenkartikeln.

Zurück noch mal zum Neubau an der Werderstraße. Da war gefühlt alles besser und moderner.

Die Enkeltochter des letzten Kaisers, Victoria Louise, brachte damals ihre Lebenserinnerungsbücher heraus und ließ sie bei Schlaeger in Peine drucken. Die hohe Dame redete man mit „königliche Hoheit“ an, und der rasant lebende und nicht minder rasant redende Dedecke verkürzte die Titulation so weit, dass sie wie „Kloheit“ klang. Und weil „Vicki“ oft in Peine war und ich jeweils auch zugegen, hat sich mir dieses Wort eingeprägt. Sie würde drüber lächeln, nein lachen.

Das Druckhaus Schlaeger gehörte dann zu Madsack, baute hinten an der Woltorfer Straße neu und druckte dort neben anderen Objekten die PAZ. Inzwischen war von Bleisatz auf Fotosatz umgestellt worden. Bei der Seitenherstellung arbeitete man mit Schere und Klebstoff. Senior Klaus Schlaeger sah sich das abends gern mal an und fragte die Jungs, wie lange sie denn schon bei der Arbeit seien. Es waren oft Überüberstunden. Der Alte nahm dann einen Mitarbeiter zur Seite, steckte ihm Geld zu und schickte ihn los, zehn halbe Hähnchen zu besorgen. „Weilchen müsst ihr ja sicher noch machen und hungrig geht es nicht.“

Die wird es immer geben, die noch ein Weilchen müssen. Ich nicht mehr. Aber manchmal juckt es noch in den Fingern, dann lebt die vergangene Zeit wieder auf, als Zeitungmachen mehr als jetzt richtiges Handwerk war.

Damals. Irgendwann wurde ich ins Allerheiligste einbestellt, musste beim leibhaftigen Chefredakteur Wolfgang Wagner in Hannover vorsprechen. Ich sei also Jürgen Dieckhoff. Und er solle mich als Redakteur einstellen. Er wisse, dass ich das wolle und er glaube, dass ich es könne. „Dann machen Sie mal.“ Habe ich dreieinhalb Jahrzehnte gemacht. Immer nach Kräften.

Leider fragt mich niemand von den heutigen Anfängern, was ich ihnen mit auf den Weg geben würde. Ich sag es trotzdem, wie denn immer Rentner nicht gefragt werden und doch umso lieber antworten: „Bei gebotener Sachlichkeit Gefühlen eine Sprache geben.“

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