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Themenwelten
09:34 18.09.2021
Liebt das Boulespiel auf dem Kirchplatz: Wolfgang Pozzato. Foto: rwe
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Den Mutigen gehört die Welt. Und einer von ihnen lebt in Salzgitter-Bad. Wolfgang Pozzato steht seit fast 40 Jahren an der Spitze der Kleinkunstbühne, holte zahlreiche namhafte Kabarettisten und Musiker in die Stadt. Der 74-jährige Kulturfreund und ehemalige Fußballer ist so etwas wie ein Aushängeschild seiner Heimatstadt. Auch wenn er früher als Halbitaliener oft geärgert wurde und er deshalb als Kind von seinem Vater kein Italienisch lernen wollte. „Das ärgert mich bis heute.“

Einfach mal den Finger heben, ohne zu wissen, was einen genau erwartet. Das reizte Wolfgang Pozzato schon immer und das machte er Mitte der 70er-Jahre bei der damaligen Salzgitter Industriebau, für die er als Elektrotechniker tätig war. Kurze Zeit später saß er im Flieger nach New York, um für ein amerikanisches Partnerunternehmen unterirdische Öl- und Gastanks zu konstruieren. „Dabei konnte ich gar nicht richtig Englisch sprechen, aber das war denen wohl egal“, erinnert er sich an eine wilde Zeit in Manhattan mit einer Wohnung direkt am Central Park.

Es ist eines von vielen Erlebnissen, die Wolfgang Pozzato berichten kann. Beruflich kam da einiges zusammen. Er arbeitete mehr als 40 Jahre bei der Salzgitter Anlagenbau, war unter anderem im Vertrieb als Area Manager Middle East tätig und hatte fünf Jahre ein Büro in Abu Dhabi.

Die Firma erzielte über viele Jahre Gewinne im mehrstelligen Millionenbereich. Er kennt die Hochs, aber auch die Tiefs. Als Betriebsratsvorsitzender musste er zusehen, wie seine hocheffiziente Firma verkauft, ausgeschlachtet und ruiniert wurde. „Ich machte als Letzter buchstäblich das Licht aus“, sagt er. Später schickte ihn eine Personalgesellschaft los, um Betriebe abzuwickeln, am Ende wurde er selbst ausgemustert. Es war die Kehrseite der Wirtschaft, obwohl viele sein Verkaufstalent schätzten, mit fast 60 gab es keine Stellen mehr.

Auf und ab geht es auch auf dem Kirchplatz, seinem neuen Lieblingsplatz. Wolfgang Pozzato hat das Boulen für sich entdeckt, setzt jeden Donnerstag seinen Strohhut auf und trifft sich mit guten Freunden im Herzen der Altstadt, um auf der kleinen grünen Insel mit dem ausgetretenen Fußweg ein paar Kugeln zu werfen. Allerdings tut sich in der ersten halben Stunde so gut wie nichts. Da werden erst die Taschen ausgepackt: Käse, Salami, Schinken und Wein gehören zu jedem Treffen dazu. „Und Fernet Branca“, sagt der Vater zweier erwachsener Töchter, dem das Lebensgefühl wichtiger ist als der Erfolg.

Allerdings gewinnt er schon lieber, als zu verlieren. Da ist er keine Ausnahme. Doch um auf der Seite der Sieger zu stehen, gehört nicht nur etwas Glück dazu, sondern vor allem Leidenschaft und Fleiß. Der aktive Ruheständler weiß das schon aus Jugendtagen, als er dem Fußball hinterher jagte. Er war im defensiven Mittelfeld, kein Trickser oder Zauberer, aber für die meisten Jungs doch ein unangenehmer Gegner, „weil ich immer irgendwie an den Ball kam“. Mit dem Norddeutschen Jugendmeister und späteren Bundesligakicker Winni Wottka lief er 1964/1965 sogar mit Bleiweste den Hamberg hoch. Auch wenn es für die große Karriere nicht reichte, blickt er stolz zurück auf die Jahrzehnte auf dem Platz. Denn er blieb verschont von schweren Verletzungen, lief noch jenseits der 65 in der Altliga auf.

Seine Gesundheit ist ein Geschenk für ihn, aber auch für Salzgitter. Denn sein Einsatz und seine Energie trugen dazu bei, dass sich Anfang der 80er-Jahre die Kleinkunstbühne etablierte. Die Anfänge liegen noch weiter zurück. Mit seinen Jugendfreunden Paul Beßler und Axel Wilde gehört Wolfgang Pozzato zu den Keimzellen des Altstadtfestes. Sie bauten mit der Clique einen Tapeziertisch auf, verkauften Schmalzbrote und Gurken. Ein NDR-Team kam vorbei und fragte nach Sekt. „Den hatten wir bis dahin nur für uns unter dem Tisch.“ So entwickelte sich aus dem Provisorium ein Verkaufsstand mit Wein, Crêpes, Scampi und mehr. Und nebenher sorgte Wolfgang Pozzato als Musikorganisator für ein angesagtes Musikprogramm auf der Bühne, holte namhafte Bands auf den Klesmerplatz. Das Altstadtfest wurde auch dank ihm zum Kult.

Einmal im Jahr war also der Teufel los, „sonst passierte nichts in Salzgitter“, erinnert sich Wolfgang Pozzato. Das konnte nicht so bleiben. Eine „gerammelt volle“ Hawkids-Revival-Party im Dezember 1981 im damaligen Bali-Kino gab den Impuls für die Kleinkunstbühne. Die Idee zum Namen lieferte ein ähnlicher Verein in Pulheim. „Den Namen haben wir geklaut“, gibt Wolfgang Pozzato zu, dem es dann mit dem Vorstand gelang, die entwidmete und verwaiste Kniestedter Kirche als Domizil zu gewinnen, anfangs noch samt Kanzel, Altar und Chorgestühl. „Lästerlyrik und Folklore“ hieß das erste Programm, was der örtlichen Presse nicht gefiel. Aber Wolfgang Pozzato liebt die Provokation und den Widerspruch. Mithilfe von Zonenrandfördergeld wurde das Gebäude restauriert und lockte sogar die ganz Großen an.

„Gert Fröbe verhalf uns zum Durchbruch“, so der Kleinkunstexperte. 1986 kam der Schauspieler nach Salzgitter-Bad, wollte sich die Kniki vorher erst mal ansehen. Er sagte zu. „Den Vertrag machten wir auf einem Bierdeckel.“ Gert Fröbes Gedichtlesungen gehören zu den ganz großen unter den vielen großen Momenten in fast 40 Jahren. Diese spielten sich nicht nur auf der Bühne ab, sondern vor allem bei Wolfgang Pozzato in der Küche. Dort saß er mit vielen Künstlern und Freunden bis tief in die Nacht, sie diskutierten, quatschten und lachten bei Scampi und Wein. Hans-Joachim Kulenkampff war dabei, Django Asül, Jochen Malmsheimer und gleich mehrmals Dieter Hildebrandt, zu dem er eine freundschaftliche Verbindung aufbaute. Wolfgang Pozzato könnte einen Roman über all die besonderen Begegnungen schreiben, vielleicht tut er es ja noch.

Als Vorsitzender und Moderator kennt er das Rampenlicht und stand auch schon mittendrin. Beim Winterzirkus 1984, den die Kleinkunstbühne mit organisierte, traute er sich auf das Drahtseil, balancierte in 2,50 Metern Höhe von einem Ende zum nächsten, vollbrachte sogar kleine Kunst stücke. „Das war mein Kindheitstraum“, schwärmt er heute noch. Den Mutigen gehört die Welt.

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