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Home Sonderthemen Aus der Geschäftswelt „Es gibt weiterhin viel zu tun bei uns“
00:00 16.02.2019
Die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen liegen dem Landrat am Herzen.

Von Stillstand kann im Landkreis Peine keine Rede sein – im Gegenteil: Stadt und Gemeinden sind ständig in Bewegung und sorgen für Veränderung. Ob die Ansiedlung neuer Unternehmen, die für zusätzliche Arbeitsplätze sorgen, die Entstehung neuer Baugebiete, die zusätzlichen Wohnraum schaffen, oder auch die Modernisierung von Schulen sowie der Neu- und Ausbau von Kindergärten, um dem Nachwuchs gute Bildungschancen zu bieten. „Doch auch weiterhin gibt es viel zu tun“, wie Landrat Franz Einhaus im Interview mit Melanie Stallmann verrät. Das Thema Integration hat dabei einen bedeutenden Stellenwert.

Herr Einhaus, was war für Sie beim Rückblick auf das vergangene Jahr die größte Herausforderung für den Landkreis Peine?

Das letzte Jahr war insbesondere davon geprägt, unsere Betreuungsinfrastruktur weiterzuentwickeln und auszubauen. Denn wir müssen die zunehmenden Bedarfe abdecken können. Schließlich haben die Bürgerinnen und Bürger einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Und das ist nicht nur eine sozialpolitische Aufgabenstellung, sondern hat auch für die Wirtschaft eine enorme Bedeutung.

Dr. Paul, Hartmann & Coll. GmbH - PHC



Inwiefern?


Der demografische Wandel hinterlässt seine Spuren, der Arbeitsmarkt verändert sich und wir brauchen zunehmend entsprechendes Arbeitskräftepotenzial. Diese Situation erfordert, dass wir Familien und insbesondere Frauen, die früher noch die alleinige Betreuungsrolle hatten, die Möglichkeit bietet, Arbeit und Familie in Einklang zu bringen. Daher müssen wir entsprechende Infrastrukturen schaffen, die die Betreuungssituation verbessern und gleichzeitig für den Arbeitsmarkt neue Spielräume schaffen.

Wobei für die Umsetzung des Rechtsanspruchs doch im Wesentlichen die Gemeinden zuständig sind?!

Richtig. Doch die Gemeinden richten sich natürlich an den Landkreis, damit entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden. Denn es geht im Wesentlichen ums Geld. Schließlich ist im letzten Jahr die Beitragsfreiheit seitens des Landes verabschiedet worden. Das heißt, dass diejenigen, die bislang Elternbeiträge für die Betreuung der Kinder gezahlt haben, jetzt davon befreit sind. Das Geld fehlt natürlich bei den Gemeinden. Doch wir haben zum Jahresende gemeinsam mit allen Gebietskörperschaften eine Lösung gefunden. So werden wir in den kommenden vier bis fünf Jahren rund 25 bis 30 Millionen Euro zur Unterstützung der Kinderbetreuung investieren.

Landrat Franz Einhaus gibt einen Ausblick auf das Jahr 2019.
Landrat Franz Einhaus gibt einen Ausblick auf das Jahr 2019.

Und wie gestaltet sich das Thema Integration?

Auch das wird uns in den nächsten Jahren weiter beschäftigen. Wobei es jetzt nicht mehr um Unterbringung und die Bereitstellung existenzieller Grundlagen geht. Vielmehr muss für die Menschen, die auch hierbleiben dürfen, eine Perspektive zum Thema Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Integration in den Arbeitsmarkt entwickelt werden.

Sie geben damit ein ganz wichtiges Stichwort. Die Arbeitgeber haben in der Zuwanderung große Chancen für den Arbeitsmarkt gesehen. Gelingt die Integration in diesem Bereich bereits?

Es haben bereits viele Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang in den Arbeitsmarkt gefunden. Das ist eine sehr positive Entwicklung, an der wir weiter arbeiten werden müssen. Denn wir sind noch lange nicht am Ziel. Und auch bei der Integration der Menschen in das gesellschaftliche Leben vor Ort gibt es noch Schwierigkeiten.

Wo hakt es denn Ihrer Meinung nach?

Ein ganz entscheidender Punkt ist, dass wir mit der enormen Bedeutung der Sprache noch nicht alle familiären Strukturen durchdrungen haben. Auch in den Schulen hakt es noch, was die Sprachförderung angeht. Insbesondere dort, wo wir einen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund von mehr als 50 Prozent haben. Denn bei einer derartigen Quote ist es kaum zu schaffen, den Menschen begleitend zum Unterricht die deutsche Sprache beizubringen.

Was wäre Ihrer Meinung nach die Lösung?

Ich halte es nach wie vor für erforderlich, dass man dort mit eigenen Sprachlernklassen arbeitet, also gezielt unterstützt und eben nicht das Konzept verfolgt, wie es zurzeit noch in der Landesverordnung steht. Das funktioniert nicht. Hier sind nach wie vor dringende Verbesserungen notwendig. Doch dafür müssen wir natürlich auch entsprechendes Personal zur Verfügung stellen – und das ist in der heutigen Zeit bekanntermaßen nicht mehr so leicht zu finden.

Wie entwickelt sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt?

Dort hakt es leider oft bei der Anerkennung von Vorerfahrungen. Außerdem ist nicht jede Qualifikation, die im Heimatland erworben wurde, geeignet für den hiesigen Arbeitsmarkt. Die Brücke aus dem Land, aus dem die Menschen kommen, zu den Ansprüchen, die wir an unsere Arbeitskräfte haben, ist noch nicht so gut ausgebaut. Dort bedarf es noch einiger Instrumente.

Welche meinen Sie konkret?

Die Änderung der rechtlichen Voraussetzungen beispielsweise, wenn es um den Einstieg in eine Ausbildung geht. Denn bislang ist es bei uns ja noch so, dass man zumindest einen qualifizierten Hauptschulabschluss haben muss, um eine Ausbildung beginnen zu können. Darüber hinaus bedarf es zusätzlicher Förderprogramme, die lange Qualifikationen möglich machen und begleiten. Denn wenn jemand beispielsweise 25 Jahre alt ist und bereits eine eigene Familie hat, die er versorgen muss, ist es schwer, ihn davon zu überzeugen, dass er erst einmal die Sprache erlernen und schulische Anforderungen erfüllen muss, bevor er überhaupt eine Ausbildung antreten kann, um reelle Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Schließlich werden bei uns vor allem Facharbeiter gesucht. Wobei das natürlich nur eine Beispielproblematik ist. Grundsätzlich müssen wir bei allen Aktivitäten rund um die Integration zügiger und konsequenter werden. Positiv ist, dass es trotz aller Bedenken, die es gegeben hat, in vielen Bereichen doch besser vorangegangen ist, als wir das befürchtet haben.

Kommen wir noch einmal zurück auf das Thema Wirtschaft und den damit verbundenen Fachkräftemangel. Wie kann es gelingen, Auswärtige verstärkt auf den Landkreis als Arbeits-, Wohn- und Lebensstandort aufmerksam zu machen?

Diese Thematik umfasst zahlreiche Themen und schließt die attraktive Gestaltung des Wohnungsmarktes genauso ein wie beispielsweise den Ausbau des Glasfasernetzes sowie die gesamte Verkehrsinfrastruktur, die sich noch weiterentwickeln muss.

Wie könnte das aussehen?

Meine Erwartungshaltung ist, dass der Raum Hannover-Braunschweig verkehrstechnisch immer weiter zusammenwächst. In 20, 30 Jahren darf es nicht sein, dass der Regionalverband Braunschweig, der ja insbesondere vom Harz bis in die Lüneburger Heide organisiert ist, Städte wie Salzgitter, Braunschweig, Wolfsburg oder auch Peine separat auflistet. Ohne Zweifel ist diese Achse sehr wichtig – gerade vor dem Hintergrund der Automobilindustrie und entsprechender Pendlerbeziehung. Aber wir müssen auch die Ost-West-Beziehung Braunschweig- Hannover noch stärker in den Fokus rücken.

Um auch und vor allem die Bahnverbindungen zu optimieren?

In jedem Fall. Schließlich haben wir aus unserem Landkreis gewaltige Pendlerströme in beide Richtungen. Umso wichtiger ist es daher, ein Verkehrsgebiet mit günstigen Verbindungen zu schaffen – und zwar aus geografischer, aber auch aus finanzieller Sicht. Denn es kann und darf nicht sein, dass sich die Mobilität allein auf die A 2 erstreckt. Meine Vision von einem attraktiven Wohn-, Lebens- und Wirtschaftsstandort schließt in jedem Fall optimale Verbindungen mit Auto und Bahn ein. Doch es reicht keinesfalls aus, wenn ich allein diese Vorstellungen habe. Für die Realisierung brauche ich Mitspieler aus Politik und den Gemeinden. Von allen gemeinsam muss eine Zielsetzung erarbeitet und abgestimmt werden. Es gibt also auch weiterhin viel zu tun bei uns.

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